Der unterwürfige Barbier

Zwei sehr unterschiedliche Figuren, der Hauptmann und den Soldat Woyzeck, treffen in der fünften Szene aufeinander. Der Hauptmann gehört der gebildeten und höheren Gesellschaftsschicht an. Er ist der Repräsentant des Militärs und der Obrigkeit und wird von Büchner geradezu karikativ dargestellt. Sein Name wird nicht angegeben. Der Hauptmann ist der Vorgesetzte Woyzecks. Woyzeck ist ein einfacher Soldat, ungebildet und ein Teil der unteren Gesellschaftsschicht. Die Rollenverteilung in der fünften Szene ist bereits aufgrund der äußeren Umstände hierarchisch definiert.

Der Soldat Woyzeck übt verschiedene Nebentätigkeiten aus, um den Unterhalt für seine Geliebte Marie und den gemeinsamen Sohn aufbringen zu können. In der Szene“ rasiert er den Hauptmann privat. Der Hauptmann sitzt auf einem Stuhl und lässt sich von Woyzeck für wenig Geld barbieren. Die beiden Figuren führen einen Dialog, der durch das hierarchische Verhältnis, also die unterschiedlichen Ränge der Figuren, geprägt ist.

Der Hauptmann dominiert das gesamte Gespräch und hat den größten Redeanteil. Die Szene beginnt damit, dass der Hauptmann Woyzeck wiederholt ermahnt, sich selbst genug Zeit einzuräumen: „Langsam, Woyzeck, langsam“ (S. 16). Im Gegensatz zu Woyzeck, der ständig gehetzt ist, hat der Hauptmann einen Überschuss an Zeit. Über den Aspekt der Zeit philosophiert der Hauptmann gerne häufig und tautologisch: „ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein; nun ist es aber wieder nicht ewig und das ist ein Augenblick, ja, ein Augenblick.“ (S. 17). Außerdem redet er Woyzeck ins Gewissen, sich seine Zeit gut einzuteilen (S. 16-17). Aufgrund seines Rangs kann er es sich leisten, Woyzeck einen gut gemeinten Rat zu erteilen.

Das Sprachverhalten des Hauptmanns verdeutlicht, dass er sich einerseits selbst gerne reden hört und dass er andererseits gerne redet, um seine Macht unter Beweis zu stellen. Der gelangweilte Hauptmann scheint mit seinem Dasein unzufrieden und mit seiner Existenz überfordert zu sein: „Woyzeck, ich kann kein Mühlrad mehr sehn, oder ich werd melancholisch“ (S. 17). Seine offenbar belanglose Existenz kann als ein Zeichen dafür gedeutet werden, dass er im Drama nur eine formale Autoritätsperson verkörpert. Diese Tatsache wird wiederum auch durch die satirische Darstellung des Hauptmanns als eines namenlosen Typs verdeutlicht.

Der Hauptmann, der viel Zeit hat und dem es finanziell gut geht, ist sehr von sich selbst eingenommen und bemitleidet sich selbst (S. 17). Er spricht sehr viel, scheint dabei aber nicht sonderlich viel zu denken. Er jongliert selbstgerecht mit inhaltlosen Worthülsen, die sehr unglaubwürdig klingen.

Woyzeck antwortet bloß mit „Ja wohl, Herr Hauptmann“ (S. 17). Diesen Ausspruch wiederholt er drei Mal während der Unterhaltung (S. 17). Daraus kann geschlossen werden, dass der unterwürfige Barbier seine Rolle als Untergebener angenommen hat und seinem Vorgesetzten nicht widersprechen mag.

Das biblische Zitat

Erst dann, wenn er vom Hauptmann dazu aufgefordert wird, etwas zu sagen: „Red‘ er doch was Woyzeck, Was ist heut für Wetter?“ (S. 17), hört Woyzeck auf, sich zu wiederholen, und beschreibt die Wetterlage mit einem einzelnen Wort: „Schlimm“, was gleich eine ironische Bemerkung des Hauptmanns verursacht, welcher Woyzeck erneut zustimmt.

Der Hauptmann möchte nun seine Rolle als Vorgesetzter gerne demonstrieren und ausnutzen, was er überheblich durch seine demütigende Charakterisierung von Woyzeck verdeutlicht, welcher ignorant, unmoralisch und arm sei: „Ha! Ha! Ha! Süd-Nord! Ha! Ha! Ha! O er ist dumm, ganz abscheulich dumm […] Woyzeck, er hat keine Moral! […] Er hat ein Kind, ohne den Segen der Kirche“ (S. 17). Er beschreibt gleichzeitig Woyzeck als „ein[en] gute[en] Mensch[en]“, womit er vermutlich sein Verständnis für Woyzecks Situation zeigen will. In seiner Schilderung zeigt er seine Feigheit: „ohne den Segen der Kirche, es ist nicht von mir“ (S. 18) und wieder seine sehr fehlende Abstraktionsfähigkeit durch eine Tautologie: „Moral das ist [,] wenn man moralisch ist, versteht er.“ (S. 17). Seine Argumentation macht ihn zufrieden und er lobt sich selbstgefällig: „Es ist ein gutes Wort.“ (S. 17)

Nach der provokativen und beleidigenden Aussage interveniert Woyzeck zum ersten Mal selbstständig und selbstbewusst im Gespräch. Er widerspricht dem Hauptmann nicht direkt, aber er verteidigt sich geschickt und ausweichend mit einem Bibelzitat: „Der Herr sprach: lasset die Kindlein zu mir kommen.“ (S. 18). Damit erklärt er, dass der barmherzige Gott keinen Unterschied zwischen ehelichen und unehelichen Kindern beim Jüngsten Gericht machen wird. Seinen Sohn bezeichnet er metaphorisch als „armen Wurm“ (S. 18).

Der Hauptmann versteht die Aussagen des einfachen Soldaten aufgrund seiner Einfältigkeit inhaltlich nicht: „Was sagt er da? Was ist das für n’e kuriose Antwort? Er macht mich ganz confus mit seiner Antwort.“ (S. 18).  Er wird als derjenige enttarnt, der Woyzecks theologische Argumentation nicht beantworten kann. Wenn er spricht, philosophiert er inhaltslos und gibt leere Floskeln von sich. In seiner nächsten Aussage behauptet er „ein tugendhafter Mensch“ zu sein, und zwar im Gegensatz zu Woyzeck. Gleichzeitig räumt er ein, dass er sich von seinen sexuellen Trieben steuern lässt, wenn er die „weißen Strümpfen“ (S. 18) sieht.

Armut und Tugend

Woyzecks letzte Replik in der fünften Szene vereint Tugend und sozialen Status. Seiner Auffassung nach können die armen Leute es sich deshalb nicht leisten, tugendhaft zu sein, weil sie im Elend leben und weil sie zunächst um ihr eigenes Überleben kämpfen müssen. Woyzeck besitzt kein Geld und verdient so wenig, dass er nicht heiraten darf. Er weiß um seine Lage und akzeptiert sie. Er rebelliert nicht, sondern versucht, sich mit seiner Situation zu arrangieren. Er bezeichnet sich selbst bescheiden als „ein armer Kerl“ (S. 19). Hiermit stellt der Autor die zeitgenössischen miserablen sozialen Verhältnisse der unteren Schichten dar und versteckt darin seine grundlegende Gesellschaftskritik.

Woyzeck denkt, dass dann, wenn seine ökonomische Lage besser wäre, er wohltätig und sittlich sein könnte: „…, aber wenn ich ein Herr wär und hätt ein Hut und eine Uhr und eine anglaise und könnt vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft seyn.“ (S. 18). Der einfache Mann kann im Gegensatz zum egoistischen Hauptmann über den Tellerrand hinausblicken. Er spricht die allgemeine Situation der armen Menschen in der Gesellschaft an, die ihr immer zu Diensten sein sollen. Um ihre soziale Lage besser zu verbildlichen, benutzt er metaphorisch schließlich eine Hyperbel: „Wir arme Leut – [...] Unsereins ist doch einmal unselig in der einen und der andern Welt. Ich glaub, wenn wir in Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen“(S. 18).

Die sprachliche Diskrepanz zwischen dem bescheidenen und unterwürfigen Woyzeck und dem überheblichen und arroganten Hauptmann steht im Widerspruch zum Inhalt. Letztendlich ist es so, dass Woyzeck, der den geringeren Redeanteil hat und durch seine Sprachlosigkeit gekennzeichnet ist, dem Inhalt des Gespräches dennoch Tiefe verleiht. Der Hauptmann redet sehr viel, scheint aber zu wenig zu denken.