Notlüge und schlechtes Gewissen

Die 4. Szene lässt sich in zwei Teile unterteilen. Der erste Teil besteht aus einem Monolog, in welchem Marie mit einem Spiegel in der Hand sich selbst anschaut. In dem zweiten Teil entwickelt sich ein Dialog zwischen Marie und Woyzeck, der kurz danach den Raum betritt.

Am Anfang der vierten Szene bewundert sich Marie im Spiegel wegen der goldenen Ohrringe, die ihr der Tambourmajor geschenkt hat. Deshalb muss man annehmen, dass sie ihn nach dem Besuch des Jahrmarkts getroffen und er sie hofiert hat. Sie fragt sich, aus welchem Material die Ohrringe sind.

Bei ihren Überlegungen wird Marie von ihrem Sohn Christian unterbrochen, da dieser nicht schlafen will. Sie befiehlt ihm, die Augen zu schließen und singt ihm ein Schlaflied, welches auf die Affäre zwischen ihr und dem Tambourmajor anspielt und in welchem ein Mädchen von einem Zigeuner in das Zigeunerland geführt wird.

Anschließend entscheidet Marie, dass das Schmück gewiss aus Gold ist. Trotz ihrer Armut findet sie sich selbst genau so hübsch wie „die großen Madamen“ (S. 15). Die goldenen Ohrringe sind ein Symbol für ihre beginnende Beziehung zu dem Tambourmajor und für ihre Sehnsucht nach einem gehobenen Lebensstandard, den ihr Woyzeck nicht bieten kann.

Als Woyzeck in dem zweiten Teil der Szene unerwartet auftaucht, versucht sie, zunächst die Ohrringe zu verstecken, und lügt ihn danach an. Sie behauptet, die Ohrringe gefunden zu haben. Der einfache Soldat glaubt ihr nicht wirklich, geht aber nicht weiter darauf ein, weil er ihr noch vertraut.

Stattdessen übergibt er ihr seinen gesamten Sold und das Geld, das er mit Arbeit für den Hauptmann verdient.

Woyzeck muss schnell weiter, um den Hauptmann zu rasieren. Er lässt Marie mit einem sehr schlechten Gewissen zurück. Sie weiß, dass sie „ein schlecht Mensch“ (S. 16) ist, aber sie schiebt diese Gedanken schnell beiseite: „Ach! Was Welt? Geht doch Alles zum Teufel, Mann und Weib.“ (S. 16). Marie ist hin- und hergerissen zwischen ihren sexuellen Trieben, ihren Sehsüchten und ihren moralischen und religiösen Vorstellungen. In diesem schwierigen Spannungsfeld erklärt sie: „Ich könnt’ mich erstechen“ (S. 16), was als eine Andeutung auf ihre kommende Ermordung verstanden werden kann. Marie scheint nun ihren Entschluss, sich dem Tambourmajor hinzugeben, gefasst zu haben, was in der 6. Szene geschieht.