Das Streitgespräch

Die zweite Szene lässt sich inhaltlich in zwei Abschnitte unterteilen. Der erste Teil enthält das Streitgespräch zwischen Margret und Marie und der zweite einen Dialog zwischen Marie und Woyzeck. Sie beginnt als Marie mit Kind am Fenster und ihrer Nachbarin Margaret den Zapfenstreich, der vorbeigeht, beobachten.

Die zwei Frauen bewundern den stattlichen Tambourmajor, der sie grüßt. Margret vergleicht ihn elliptisch mit einem Baum, Marie vergleicht ihn mit einem Löwen. Die beiden Frauen geraten in Streit, weil Margaret Marie vorwirft, auf Männer versessen zu sein, was ihre Augen verraten würden: Marie verteidigt sich prompt auch im Dialekt: „Und wenn! Trag sie ihr Auge zum Jud und laß sie sie putze, vielleicht glänze sie noch, daß man sie für zwei Knöpf verkaufe könnt.“ (S. 10).

Das Streitgespräch, in dem beide Frauen sich gegenseitig bekämpfen und erniedrigen, setzt sich fort: „Frau Jungfer, ich bin eine honette Person, aber sie, sie guckt 7 Paar lederne Hosen durch.“ (S. 10). Marie beschimpft sie als „Luder“ (S. 10), und schlägt wütend das Fenster zu. Sie wendet sich anschließend ihrem Kind zu, und beruhigt sich. Sie singt ihm ein Volkslied vor, welches von Hansel handelt, der seine sechs Schimmel anspannen soll.

Maries erstes Lied „Soldaten, das sind schöne Bursch...“ (S. 10) deutet ihre bevorstehende Affäre mit dem Tambourmajor an. Die erste Strophe des zweiten Lieds „Mädel, was fangst du jetzt an?“ (S. 11) reflektiert Maries aussichtslose Situation: Sie hat ein uneheliches Kind und keinen Mann. Daher kann sie keine Unterstützung von der Gesellschaft erwarten. Die zweite Strophe drückt metaphorisch Maries Sehnsucht nach einer besseren Welt aus: „sechs Schimmel“ und „Lauter kühle Wein muß es sein“ (S. 11).

Woyzecks Besuch

Im zweiten Teil der Szene kommt Woyzeck auf einen kurzen Besuch bei ihr vorbei. Er berichtet Marie von seiner Halluzination: „(geheimnisvoll) Marie, es war wieder was, viel, steht nicht geschrieben, und sieh da ging ein Rauch vom Land, wie der Rauch vom Ofen?“ (S. 11). Es zeigt sich, dass er aufgrund seiner geistigen Verwirrung weder Aufmerksamkeit für sein Kind noch für Marie aufbringt. Beide führen nur ein kurzes, distanziertes Gespräch, das Marie aufgrund der wirren Aussagen von Woyzeck bei ihr Angst auslöst. Sie versteht einfach nicht, was mit ihm passiert. Sie benutzt Ausrufe, wie „Franz!“ (S. 11), und versucht, ihn zur Vernunft zu bringen, aber Woyzeck kann sich nicht aufhalten lassen und muss schnell in die Kaserne zum Appell zurückkehren.

Der Dialog dokumentiert einerseits die Kommunikationsschwierigkeit der beiden, die sich in einer dialektalen und oft grammatisch falschen Sprache manifestiert, und bestätigt andererseits Woyzecks Verfolgungswahn. „Ich halt’s nicht aus. Es schauert mich“ (S. 12). Der letzte Satz der Szene schildert Marie verzweifelte Einstellung und Gefühle und verdeutlicht ihre Unzufriedenheit. Hiermit sind die Bausteine für die weitere tragische Handlung und Konfliktentwicklung gelegt.

Deutung

Die zweite Szene führt Woyzecks Geliebte Marie in die Handlung ein, mit der Woyzeck ein uneheliches Kind hat, das sie selbst als „Hurenkind“ (S. 11) bezeichnet. In ihrem Gespräch mit Margret wird deutlich erkennbar, wie sie zu körperlicher Lust steht. Dieser Aspekt trägt zu einem großen Teil zur Eskalation der Situation bei und ist später einer der Gründe, warum sie ermordet wird.

Die Szene führt somit neben dem unstetigen Charakter von Marie zwei weitere Elemente ein, die zum tragischen Ende führen. Dies betrifft ihre beginnende Liaison mit dem Tambourmajor, gegen die sie sich wirklich zu keinem Zeitpunkt zur Wehr setzt, sondern die sie eher selbst provoziert. Hiermit hat sie ihre ihr zugeschriebene gesellschaftliche Rolle als leichtes Mädchen akzeptiert und macht keine Anstalten, etwas daran zu ändern.

Nicht zuträglich zu ihrem Verhalten ist sicherlich die Tatsache, dass das Paar aufgrund des Gesundheitszustands und der ständigen Arbeit Woyzecks keinerlei Partnerschaft mehr auslebt. Da Marie nicht arbeitet, muss der einfache Soldat für sie alle drei aufkommen, was auch seine ständige Arbeit erklärt. Ihre Beziehung erscheint vielmehr sehr zweckmäßig ausgelegt zu sein und sich in einer Krise zu befinden. Auch der fehlende Bezug von Woyzeck zu seinem Sohn verdeutlicht dies. Er scheint damit nur das wohl nicht geplante Produkt körperlicher Liebe zu sein, was damals üblich war, weil man keine Verhütungsmittel verwendete.