Pauperismus

Der Begriff „Pauperismus“ bezeichnet das katastrophale Massenelend in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die langanhaltende und strukturelle Armut von größeren Bevölkerungsschichten zur Zeit der Frühindustrialisierung hatte mehrere Ursachen. Die langsame Ablösung der Agrargesellschaft durch die Industriegesellschaft verursachte tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Veränderungen. Im Bereich der Medizin und Hygiene wurden wesentliche Fortschritte gemacht. Diese Faktoren sorgten für eine geringere Sterberate, während die Fertilitätsrate anstieg. Ab 1750 kam es so zu einem explosionsartigen Anstieg der Bevölkerungszahl.

Die Bevölkerungsexplosion und die Intensivierung der Landwirtschaft durch die Verwendung von Maschinen bewirkten einen verminderten Bedarf an Landarbeitern. Diese wanderten in die Städte ab und lieferten das Arbeitskräftepotenzial für die entstehende Industrie. Die industrielle Massenfertigung ersetzte das traditionelle Handwerk und verursachte wiederum ein Ansteigen der Arbeitslosenzahl, da die maschinelle Fertigung weniger Arbeitskräfte benötigte.

Das Überangebot an Arbeitskräften führte zu niedrigen Löhnen und sehr schlechten Arbeitsbedingungen. Bevorzugte Opfer der Not waren auf dem Land besonders die Kleinbauern und Tagelöhner ohne regelmäßige Arbeit und die in den Städten arbeitslosen Handwerker. Mehrere Missernten verschlimmerten die Hungersnot. Große Teile der Bevölkerung lebten unterhalb des Existenzminimums.

Die Kinderarbeit, die schon in einem Alter zwischen vier und sechs Jahren anfing, verhinderte den regelmäßigen Schulbesuch. Die traditionellen feudalen Fürsorgestrukturen, wie Großfamilie und Bindung an den Gutsherrn, waren durch die Urbanisierung verlorengegangen. Die Zerstörung der traditionellen Gesellschafts- und Produktionsstrukturen verursachte eine Massenarmut, die erst mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nachließ.

Georg Büchner greift in „Woyzeck“ das Phänomen des Pauperismus auf. Er weist mit seinem Drama auf die zeitgenössische Massenarmut und somit auch auf die Missstände in der Gesellschaft hin. Der arme Woyzeck repräsentiert und symbolisiert das Leid und das aussichtslose Elend von Tausenden von Menschen, welche der unteren Gesellschaftsschicht anhören und die damals massiv unterdrückt und ausgebeutet wurden.

Woyzeck ist mittelos und, obwohl er dazu bereit ist, Nebenjobs anzunehmen, um einen anständigen Lohn zu verdienen, kann er trotzdem kaum den Unterhalt für sich, Marie und den gemeinsamen Sohn aufbringen. Sein ganzes Gehalt händigt er Marie aus (S. 16). Die materialistischen Probleme, welche der einfache Soldat mit der Existenzerhaltung und dem Aufbau eines wenigstens geringen materiellen Wohlstandes hat, ziehen sich als eine Art Leitmotiv durch das gesamte Werk hindurch.