<aside> 💡 Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.
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Doch sein Kategorischer Imperativ ist – Kant sei dank – in seiner Bedeutung nicht ganz so schwer zu verstehen. Wäre ja auch blöd, weil er für alle Menschen gelten soll, dieser Imperativ. Ein Imperativ ist ein Satz, der als Befehl formuliert ist. Sowas wie: Dont’ worry, be happy.
Kategorisch ist ein Imperativ, wenn sich alle daran halten sollen: keine Ausnahmen, keine Widersprüche. Hier nochmal der Satz, um den es geht:
Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.
Dieser Grundsatz ethischen Handeln ist wie gesagt eine Formel ohne Inhalt. Wir können sie nutzen, um eigene Inhalte – x-beliebige Handlungen, die wir vorhaben – in diese Formel einzusetzen und zu schauen: Wäre mein Handeln widerspruchsfrei und damit moralisch in Ordnung? Das erscheint mir wichtiger als jede Mathe-Formel, weshalb wir den Kategorischen Imperativ schon Kindern möglichst früh beibringen sollten. Aber wie erkläre ich »die Maxime eines Willens« meinen Kleinen? Vielleicht so:
Eine Maxime ist eine Lehre oder ein Motto. Das ist eine bestimmte Art von Gedanken – nämlich ein Gedanke, mit dem ihr euch erklärt, warum ihr etwas tut oder tun dürft. Wir können einen solchen Gedanken auch einen »Leitgedanken« nennen, wie eine Leitplanke, die euch auf einer bestimmten Bahn hält – nicht auf der A3 oder B67, sondern auf der Bahn des richtigen Handelns.
Wenn Kant von der »Maxime deines Willens« spricht, ist damit also der Leitgedanke gemeint, den du (oder du) im Sinn hast, wenn du eine bestimmte Sache haben oder tun willst, ohne dabei von der Bahn des richtigen Handelns abzukommen. Ist ein bisschen so, wie die Goldene Regel: »Was du nicht willst, dass man Dir tut, das füg’ auch keinem andern zu.« Heißt: Wenn ihr nicht gehauen werden wollt, dann haut halt auch keine anderen Kids. Und wenn ihr nicht beklaut werden wollt, dann beklaut halt auch nicht die anderen.
Für Kinder, ehrlich gesagt, reicht diese Erklärung dicke. Genauso wie bis zu einem bestimmten Alter die Erklärung reicht: Mama und Papa ha’m sich ganz fest umarmt und tja, neun Monate später warst du da. Aber genau genommen sind die Goldene Regel und der Kategorische Imperativ zwei verschiedene moralische Prinzipien.
<aside> 💡 Während sich die Goldene Regel – »Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu« – auf die Wünsche des einzelnen Menschen konzentriert und diese nur auf ein Gegenüber projiziert, einen anderen Menschen überträgt, geht’s im Kategorischen Imperativ um eine allgemeine Gesetzgebung und Widerspruchsfreiheit.
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Nehmen wir nochmal das Klauen, oder: Stehlen. Das unerlaubte Wegnehmen einer Sache, die einer anderen Person gehört. Sollte Stehlen erlaubt sein, im Sinne einer allgemeinen Gesetzgebung? Würde heißen: Ja, es sei gesetzlich erlaubt, anderen unerlaubterweise etwas wegzunehmen.
Klingt widersprüchlich. Ist es auch. »Stehlen« als Begriff impliziert das Vorhandensein von Eigentum. Sowohl die Vorstellung von »Eigentum« als auch die Bedeutung von »Stehlen« würden sich praktisch aufheben, wenn wir es zur Maxime unseres Willens und Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung machen würden. Aufgrund dieser Widersprüchlichkeit, fällt »Stehlen« als unmoralisch durch – und nicht etwa, weil die beklaute Person sehr traurig wäre, wie es die Goldene Regel begründet.
Gleiches gilt fürs Lügen: Angenommen, du leihst dir Geld und versprichst, es zurückzuzahlen – obwohl du insgeheim weißt, dass du das nie tun wirst. Verallgemeinert hieße das: Ja, es ist gesetzlich ok, ein Versprechen zu geben, das eine Lüge ist, also doch kein Versprechen (also auch… keine Lüge?).
Etwas zu geben, ohne es zu geben, das geht nicht. Wieder: ein Widerspruch. »Lügen« als Begriff setzt Wahrhaftigkeit voraus, den Willen zur Wahrheit. Sowohl die Bedeutung von »Versprechen« als auch »Lügen« würden sich aufheben, wenn wir dies zur Maxime machen würden. Erneut ist die Widerspruchsfreiheit hier die Grundlage der Moral – nicht die Tatsache, dass die belogene Person ihre Kohle nicht zurückkriegt, worauf die Goldene Regel hinweisen würde.
Nun, was ist denn besser, Goldene Regel oder Kategorischer Imperativ?
Nehmen wir mal das Hauen, oder: Schlagen. Die heftige Bewegung einer Hand oder eines Gegenstandes mit dem Ziel, einen anderen Gegenstand oder Menschen zu treffen. Manch’ Mensch würde darauf reagieren mit: Uuuh, gerne, mehr davon! Ausgehend von der Goldenen Regel würde solch eine masochistische Person kein Problem darin sehen, einer anderen Person den Gefallen zu tun, ihr mal so richtig den Arsch zu versohlen. Nun sind wir aber ja nicht alle masochistisch veranlagt.