Informationsblatt: Philosophischer Essay
Ein Essay ist die begründete Verteidigung einer These.
Vorbereitung:
Zunächst sollte man sich klarmachen, welches Ziel man mit dem Essay verfolgen will. Daher gilt als erstes:
nachdenken, diskutieren und lesen, z.B. klassische Texte, Sekundärliteratur.
Grundaufbau eines Essays:
Hat man geklärt, was man erreichen will, sollte man eine erste Gliederung erstellen. Gängig ist die Einteilung in
Einleitung, Hauptteil und Schluss.
In der Einleitung formuliert man die Frage, die man beantworten will, und stellt gegebenenfalls auch das Vorgehen
vor. Es gehört nicht in eine Einleitung, aus welchen rein persönlichen Gründen man sich
für das Thema interessiert.
Ist die Motivation in der Frage selbst nicht ersichtlich, so ist die Frage objektiv zu
motivieren. Die einfachste Möglichkeit dafür besteht darin, dass man zwei Thesen
formuliert, die im Widerspruch zueinander zu stehen scheinen. Auf diese Weise ergibt
sich die Frage aus der Sache heraus: Wie, wenn überhaupt, lässt sich dieser Widerspruch
auflösen?
Im Hauptteil soll die These mit einem nachvollziehbaren Argument gestützt werden. Der
Hauptteil enthält alle Thesen und Argumente.
Im Schlussteil wird die Argumentation zusammengefasst. In diesen Teil gehören also
keine neuen Thesen und Argumente. Eventuell kann man auf das hinweisen, was noch
nicht gezeigt wurde, jedoch nur insofern dies dem Verständnis der Konklusion dient.
Verschiedene Möglichkeiten zum Aufbau des Hauptteils:
Die drei wichtigsten Grundformen sind (1) die kritische Prüfung einer Position (einer
These, eines Arguments), (2) die Entscheidung eines Streits und (3) die Lösung eines
Problems.
Aufbau 1: Kritische Prüfung
- stellt man die Position (die These, das Argument) dar, 2. formuliert man Kritik daran und 3. weist man die Kritik zurück. Der dritte Schritt
ist optional.
Ein derartig aufgebauter Essay ist im Grunde ein Kommentar, den man in die Form eines eigenständigen Essays gießt. Dabei sollte man
weder die Einleitung vergessen, in der man die Frage und das Vorgehen deutlich macht, noch den
Schluss, in dem man die anfangs gestellte Frage beantwortet.
Es kann sein, dass man nicht zu einer eindeutigen Antwort auf die ursprüngliche Frage gelangt. Auch
eine solche Antwort muss jedoch begründet werden! Meistens ist es sinnvoll, eine bedingte Antwort zu
geben, etwa so: »Wenn man die These so versteht und zudem von der Annahme ausgeht, dass so und
so, dann ist die These falsch, denn sie hat die Konsequenz, dass dieses und jenes.«
Aufbau 2: Entscheidung eines Streits
Zuerst muss man das Problem formulieren, im Anschluss stellt man eine erste Position dar und beurteilt diese, dann eine dieser entgegen
gesetzte Position und beurteilt diese und gelangt am Schluss zu einer Entscheidung.
Die Schritte können auch in anderer Reihenfolge geschehen. Zum Beispiel kann es zweckdienlicher
sein, nach der Darstellung der ersten Position gleich die Darstellung der zweiten Position
anzuschließen oder die beiden Positionen abwechselnd Stück für Stück darzustellen.
Es ist sinnvoll, das Problem als eine Frage zu formulieren, die von den beiden Positionen
unterschiedlich beantwortet wird. So kann man sich immer wieder auf diese Frage beziehen, um den
roten Faden nicht zu verlieren. Nur selten wird man zu der Entscheidung gelangen, dass die eine oder
andere Position vollständig Recht hat. Häufiger ist es der Fall, dass man je nach Interpretation zu
unterschiedlichen Resultaten kommt. Genau solche Unterscheidungen sollten in einen Essay einfließen,
um zu einer differenzierten Entscheidung zu gelangen.
Aufbau 3: Lösung eines Problems
Zu Beginn formuliert und analysiert man ein bestimmtes Problem.
Im Anschluss entwickelt man Kriterien für eine adäquate Lösung.
Daraufhin stellt man mögliche Lösungen vor, die inadäquat sind, und erklärt, weshalb diese nicht adäquat sind.
In einem vierten Schritt stellt man die eigene Lösung vor. Diese Lösung prüft man dann an den
aufgestellten Adäquatheitskriterien. Zum Abschluss kann man nahe liegende Kritik zurückweisen.
Die Schritte 3 und 6 sind optional. Wie die zweite Grundform ist auch diese problemorientiert. Im
Unterschied zu jener verlangt diese Form jedoch mehr eigene Kreativität, da eine eigene Lösung des
Problems entwickelt wird.
Was ist ein guter Essay ?
- Inhalt: Korrekte und präzise Darstellung von Positionen (Thesen, Argumenten)
- Argumentation: Eigenständige und gute Begründung einer These
- Sprache: Klare und wohlstrukturierte Formulierung
Es ist zu beachten, dass dies nur eine mögliche und keine erschöpfende Liste von Kriterien sein muss.
Bei einem Essay-Wettbewerb kann man versuchen spezielle Bewertungskriterien beim Veranstalter in
Erfahrung zu bringen. (Verändert nach: J. Pfister: Werkzeuge des Philosophierens. Stuttgart 2013)
Grundaufbau eines Essays
- Einleitung
Was ist die Frage, die ich beantworten will?
Weshalb ist diese Frage wichtig?
Was will ich zeigen?
Wie werde ich dabei vorgehen?
- Hauptteil
Was ist mein Argument für das, was ich zeigen
will? Weshalb sind die Prämissen in diesem
Argument wahr? Was kann man gegen das
Argument einwenden? Weshalb sind diese
Einwände nicht stichhaltig?
- Schluss
Was habe ich gezeigt?
Aufbau 1: Kritische Prüfung
- Darstellung
- Kritik
- Zurückweisung der Kritik
Aufbau 2: Entscheidung eines
Streits
- Formulierung des Problems
- Darstellung der ersten Position
- Bewertung der ersten Position
- Darstellung der zweiten
Position
- Bewertung der zweiten Position
- Entscheidung
Aufbau 3: Lösung eines Problems
- Formulierung und Analyse des
Problems
- Entwicklung von Kriterien für
eine adäquate Lösung
- Untersuchung möglicher, aber
inadäquater Lösungen