Inhalt

😤1. Teil: Nathanaels Wut

Nathanael wendet sich mit einem erneuten Brief an Lothar, nachdem er Claras Nachricht erhalten hat. Darin macht er zunächst seinem Unmut über seine beiden Freunde Luft. Claras Äußerungen bezeichnet er als abwertend und als „philosophisch“ (S. 16). Gleichwohl vermutet er, dass sie lediglich die Ansichten ihres Bruders zitiert habe. Clara selbst könne nicht auf derartige Ideen gekommen sein: „[…] man sollte gar nicht glauben, dass der Geist, der aus solch hellen hold lächelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum, hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren könne.“ (ebd.).

Hinter diesem Satz verbirgt sich nicht nur das zeitgenössische Frauenbild (vgl. Kapitel „Interpretation“, Abschnitt „Frauenbild“), sondern auch der Verdrängungsmechanismus Nathanaels. Der Student will nicht wahrhaben, dass er und seine Verlobte verschiedene Weltanschauungen vertreten. Nicht zuletzt richtet er seine Wut darüber auf Lothar, den er als Urheber von Claras Brief identifiziert. Dieser solle die ‚unschuldige‘ Clara nicht länger beeinflussen: „Du liesest ihr wohl logische Collegia, damit sie alles fein sichten und sondern lerne. – Lass das bleiben!“ (ebd.). Nathanaels Rückzug wirkt wie das Eingeständnis eines trotzigen Kindes.

Nicht zuletzt ist aus Nathanaels Zeilen das Bedürfnis zu erkennen, sich selbst zu verteidigen. Die Annahme, Coppelius und Coppola seien ein und dieselbe Person, relativiert der Student. Dabei beruft er sich auf seinen Physik-Professor Spalanzani, der mit Coppola bekannt ist, und der ihm Indizien dafür liefert, dass Coppola und Coppelius nicht ein und dieselbe Person sind und nicht sein können.

Nathanael ist aber noch nicht ganz überzeugt davon. Seine Grundhaltung soll damit jedoch nicht negiert werden: „Ganz beruhigt bin ich nicht“ (ebd.). Dafür nimmt Nathanael sogar den Spott seiner Freunde in Kauf: „Haltet ihr, du und Clara, mich immerhin für einen düstern Träumer, aber nicht den Eindruck kann ich loswerden, den Coppelius‘ verfluchtes Gesicht auf mich macht. Ich bin froh, dass er fort ist aus der Stadt, wie mir Spalanzani sagt.“ (S. 16).

Bereits jetzt scheint Hoffmanns Protagonist seine zunehmende Isolation von seinen Freunden zu erahnen und zu verspüren. Auffällig ist zudem, dass er hier Coppola und Coppelius verwechselt. Dies bestätigt den Leser in seiner Annahme, dass Nathanael keinesfalls von seinen Ängsten befreit ist.

😲2. Teil: Nathanaels geheimnisvoller Erlebnisbericht

Im zweiten Teil schweift Nathanael thematisch ab und berichtet aus seinem Leben als Student, welches nur auf den ersten Blick gewöhnlich und alltäglich daherkommt. Zunächst charakterisiert Nathanael seinen Physik-Professor Spalanzani, den er als „wunderliche[n] Kauz“ beschreibt. Überdies vergleicht er den Professor mit dem sizilianischen Abenteurer, Magier und Alchemisten Alessandro Cagliostro.

Nathanael beruft sich in seinem Brief auf die äußere Ähnlichkeit der beiden. Noch weiß er nicht, dass Spalanzani weit mehr mit Cagliostro verbindet. Letzterer war ein berüchtigter Hochstapler, der sich mit dreisten Betrügereien Zugang zu höheren Kreisen verschaffte. Auch Spalanzani erweist sich als undurchsichtiger Wissenschaftler und führt die feine Gesellschaft schließlich mithilfe seiner selbst gebauten Automatenpuppe in die Irre. Hoffmann deutet mit dem Vergleich zwischen Cagliostro und Spalanzani bereits auf die zukünftigen Ereignisse der Geschichte hin.

In den nun folgenden Zeilen seines Briefes berichtet der ahnungslose Nathanael von seiner ersten Begegnung mit Professor Spalanzanis Tochter Olimpia. Er entdeckt sie hinter einer Glastür in einem Zimmer der Universität. Bis auf einen Spalt wird ihre Erscheinung durch einen Vorhang verdeckt.

Als der neugierige Nathanael einen Blick riskiert, ist es keine Liebe auf den ersten Blick. Zwar beschreibt er Olimpia als äußerst attraktiv: „sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsen“, „engelschönes Gesicht“ (S. 17). Ihr starrer und lebloser Blick ist ihm jedoch unheimlich: „als schliefe sie mit offenen Augen“ (ebd.).

Nathanaels Schilderungen führen Olimpia als eine befremdliche und geheimnisvolle Figur in die Handlung ein. Noch mag der Leser davon ausgehen, dass es sich bei ihr um ein lebendiges Wesen handelt – wenn auch mit sonderbaren Eigenschaften, die es im Laufe der Handlung zu ergründen gilt.

Nathanael fügt hinzu: „Nachher erfuhr ich, dass die Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, dass durchaus kein Mensch in ihre Nähe kommen darf.“ (ebd.). Nun wird auch die Verbindung zu Spalanzani klar, der als mutmaßlicher Rabenvater in Erscheinung tritt.

Die spärlichen Informationen zu Spalanzani und Olimpia bauen Spannung auf. Nathanael begründet seine Kurzfassung damit, dass er ohnehin bald zu Besuch käme, um alles ausführlicher zu erzählen. In diesem Zusammenhang kommt er noch einmal auf Clara zurück, die er schmerzlich vermisst, deren Brief er jedoch nach wie vor nicht verdaut hat. Deshalb habe er auch in seiner Wut nicht ihr, sondern Lothar geschrieben.  Zuletzt kündigt Nathanael seinen zukünftigen Besuch bei Clara und Lothar an. Er freut sich, seine Verlobte, sein „süßes liebes Engelsbild“ (S. 17) wiederzusehen.