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Das Antwortschreiben, das Nathanael erwartet, stammt wider Erwarten nicht von Lothar, sondern von Clara. Diese klÀrt sogleich den Irrtum auf: Nathanael adressierte den Briefumschlag versehentlich an sie. Weshalb er dies tat, kann der Leser nur vermuten. Ist es sein momentaner emotionaler Ausnahmezustand oder doch die Sehnsucht nach seiner Verlobten? Die optimistische Clara vermutet Letzteres.
Claras Hoffnung, dass Nathanael sie vermisst habe, erweist sich jedoch als fraglich vor dem Hintergrund, dass sich dieser, (nachdem er sich ohnehin so lange nicht meldete) als Erstes an Lothar wenden wollte. Umso erstaunlicher ist Claras radikal positive Haltung. Ohnehin betont sie in ihrem Brief sehr hĂ€ufig ihre Zuneigung fĂŒr Nathanael: âherzgeliebter Nathanaelâ (S.14), âherzinnigstgeliebter Nathanaelâ (S.16).
Mit Entsetzen habe sie den Brief ihres Verlobten gelesen und sich um ihn gesorgt, so schreibt Clara. Bereits hier wird deutlich, wieviel sie fĂŒr Nathanael empfindet: âTrennung von dir, dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie ein glĂŒhender Dolchstich.â (S. 13). Gleichzeitig scheint die junge Frau von den Zeilen ihres Liebsten gefesselt gewesen zu sein, als habe sie das Werk eines guten Autors in der Hand.
In Claras erster Reaktion auf Nathanaels Brief wird âdie lebenskrĂ€ftige Fantasieâ (S. 20) der jungen Frau deutlich. Kurzzeitig, so schreibt sie, habe sie sich selbst ein bisschen von dem grĂ€sslichen Coppola verfolgt gefĂŒhlt. Doch der Leser erfĂ€hrt auch, dass derartige Emotionen untypisch fĂŒr die sonst so ruhige und besonnene Figur sind.
So kehrt dann auch schnell ihr gewohnter Optimismus zurĂŒck: âSei mir nur nicht böse, mein Inniggeliebter, [âŠ] dass ich trotz deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde dir etwas Böses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie immer.â (S. 13). Alles in allem gibt der Brief einige wesentliche CharakterzĂŒge der Verfasserin preis (vgl. Charakterisierung Clara).
Zentral fĂŒr Claras Brief ist die rationale Analyse, mit der sie Nathanaels Ăngste vor dem Sandmann erklĂ€rt und beurteilt: âGerade heraus will ich es dir nur gestehen, dass, wie ich meine, alles Entsetzliche und Schreckliche, wovon du sprichst, nur in deinem Innern vorging, die wahre wirkliche AuĂenwelt aber daran wohl wenig teilhatte.â (S. 13).
Die Konsequenz aus dieser These besteht darin, dass Nathanael lediglich seine eigene Einstellung zu den Dingen verĂ€ndern mĂŒsse, um die inneren DĂ€monen loszuwerden. Clara erteilt ihm entsprechende Handlungsanweisungen, die sie imperativisch formuliert: â[âŠ] schlage dir den hĂ€sslichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann Guiseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei ĂŒberzeugt, dass diese fremden Gestalten nichts ĂŒber dich vermögen [âŠ] Sei heiter â heiter!â (S. 15).
Claras Argumente stehen fĂŒr eine vernunftorientierte rationalistische Weltsicht, wie sie durch die AufklĂ€rung vertreten wird. Dazu gehören auch ihre optimistische Lebenseinstellung sowie die Auffassung, der Mensch könne sich selbst beherrschen und regulieren (vgl. Kapitel âEpocheâ, Abschnitt âMerkmale der AufklĂ€rung im Werkâ).
Gleichzeitig sind die Thesen der jungen Frau psychologisch begrĂŒndet. Demnach projiziert Nathanael seine Ăngste vor dem Sandmann auf den Advokaten Coppelius, der ihn ohnehin schon immer unheimlich vorkam. SpĂ€ter ist es Coppola, der in die Rolle des Feindbildes hineinschlĂŒpft. Nathanaels Verhalten kann aus psychoanalytischer Sicht als sogenannte Ăbertragung bezeichnet werden. Ăberdies deutet Clara an, dass Nathanael von seinem Unbewussten beherrscht wird: âEs ist das Phantom unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe Einwirkung auf unser GemĂŒt uns in die Hölle wirft, oder in den Himmel verzĂŒckt.â (S. 15).
Nicht zuletzt fĂŒhrt Clara auch naturwissenschaftliche Argumente an. So gibt sie an, sich bei einem Apotheker nach den Gefahren alchemistischer Experimente erkundigt zu haben. Aus dessen ĂuĂerungen schlieĂt sie, dass der Tod von Nathanaels Vater durch eine chemische Explosion verursacht wurde (vgl. S. 14).
Clara beendet ihren Brief mit der eindringlichen Bitte an ihren Verlobten, den Advokaten Coppelius und den WetterglashĂ€ndler Coppola zu vergessen. Ihre Macht ĂŒber Nathanael bestĂŒnde grundlegend in seinem Glauben an diese, behauptet Clara. Hiermit versucht sie, Nathanael von seinen zerstörerischen Gedanken an beide Figuren, die fĂŒr ihn das Böse reprĂ€sentieren, abzubringen.
Indirekt lĂ€sst Hoffmann auch Lothar, den eigentlichen Adressaten, zu Wort kommen. Clara beruft sich in ihrer Analyse auf ein GesprĂ€ch mit ihm, dem sie das fehlgeleitete Schreiben zukommen lieĂ. Hoffmann lĂ€sst in diesem Zusammenhang offen, inwiefern die Verfasserin nun ihre eigenen Ideen oder aber Lothars Gedanken wiedergibt.