Der 1. Brief: Nathanael an Lothar

Inhalt

đŸ‘„Vorstellung der Charaktere

Der erste Brief umfasst ĂŒber zehn Seiten und macht damit ein Viertel des Gesamttextes aus. Er liefert einleitende Informationen zu einigen Charakteren und ihrem VerhĂ€ltnis zueinander. Dies trĂ€gt wesentlich zum expositorischen Charakter der drei Briefe bei (vgl. Abschnitt „Aufbau“).

Mit dem Schreiben Nathanaels steigt Hoffmann unvermittelt und unkommentiert in das Geschehen ein.  Der Leser folgt sogleich der subjektiven Perspektive der Hauptfigur. Im Zentrum des Briefes steht der Verfasser selbst: Seine GefĂŒhle und Gedanken, seine Familiengeschichte, seine Kindheit – all dies schildert Nathanael in Form einer umfassenden Selbstreflexion.

Der Adressat hingegen ist nicht gleich zu ermitteln, zumal die obligatorische Anrede (wie im Übrigen auch das Datum) fehlt. Überdies scheint sich der Schreiber zunĂ€chst an mehrere Personen zu richten: „[
] tĂ€glich stĂŒndlich gedenke ich eurer aller [
].“ (S. 3). Erst nach achtzehn Zeilen wird offensichtlich, an wen der Brief gerichtet ist: „Ach mein herzlieber Lothar!“ (ebd.).

Die Anrede deutet auf eine sehr vertraute und innige Bindung zwischen Nathanael und Lothar hin. BestĂ€tigt wird diese Annahme durch die intimen Informationen, die Nathanael im Laufe des Briefes von sich preisgibt. Auch spĂ€ter schreibt er noch einmal „mein herzlieber Freund!“ (S. 12).

Überdies eröffnet sich dem aufmerksamen Leser die Liebesbeziehung zwischen Nathanael und Clara: „[
] und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild [
].“ (ebd.).  Nicht zuletzt verdeutlicht der Brief, dass Nathanael schon lĂ€nger von seiner Heimatstadt und seinen Freunden entfernt lebt.

💭Nathanaels fatalistische Logik

Der Brief beginnt mit der Schilderung von Nathanaels gegenwĂ€rtiger Situation. Am Anfang berichtet er ĂŒber das Hier und Jetzt. ZunĂ€chst informiert der junge Student Claras Bruders Lothar kurz ĂŒber seine erste entsetzliche Begegnung mit dem WetterglashĂ€ndler Coppola. Diese ereignete sich „vor einigen Tagen“ (S.3).

Seine Ă€ngstliche Reaktion auf den WetterglashĂ€ndler sieht der Protagonist in seiner Kindheit begrĂŒndet: „Du ahnest, dass nur ganz eigne, tief in meinem Leben eingreifende Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben können, ja, dass wohl die Person jenes unglĂŒckseligen KrĂ€mers gar feindlich auf mich wirken muss.“ (S. 3/4).  Der Leser vermutet zunĂ€chst, dass Nathanael die Ängste vor Coppola damit nicht nur erklĂ€ren, sondern auch relativieren kann. Sofern Coppola nur „feindlich wirkt“, aber nicht feindlich ist, kann es sich um eine harmlose Projektion handeln.

Mit einem RĂŒckblick auf seine Kindheit erklĂ€rt Nathanael, dass er Coppola mit dem alten Advokaten Coppelius gleichsetzt. Er schildert prĂ€gende Erfahrungen mit der Figur des Sandmanns und dem Tod seines Vaters. Ein einschneidendes Ereignis im Leben des zehnjĂ€hrigen Knaben ist die Szene, in der er eines Abends durch den Spalt eines Vorhangs seinen Vater und den grĂ€sslichen Coppelius bei der DurchfĂŒhrung von alchimistischen Experimenten beobachtet. Nachfolgend wird er erwischt, von Coppelius misshandelt und dann ohnmĂ€chtig und krank. Ein Jahr spĂ€ter stirbt Nathanaels Vater, als Coppelius wieder zu Besuch kommt, durch eine Explosion.

In seinem Flashback schildert Nathanael drei aufeinander aufbauende, traumatische Ereignisse aus der Kindheit, welche die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen. Doch fĂŒr ihn sind diese ZusammenhĂ€nge real und nicht innerpsychisch begrĂŒndet.

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Bezeichnend fĂŒr Nathanaels Logik ist die Gleichsetzung zwischen dem Sandmann, Coppelius und Coppola, die der Student im Laufe seines Briefes aufdeckt: „[
] der fĂŒrchterliche Sandmann ist der alte Advokat Coppelius [
].“ (S. 7) – „[
] dass jener WetterglashĂ€ndler eben der verruchte Coppelius war [
].“ (S. 12).

Die IdentitĂ€t eines Menschen mit einer fiktiven MĂ€rchenfigur, wie dem Sandmann, ist aus rationaler Sicht unmöglich. Die IdentitĂ€t zwischen Coppelius und Coppola ist hingegen durchaus erklĂ€rbar, legt jedoch den Schluss einer bestimmten Absicht nahe. An Letztere glaubt auch Nathanael, der „die feindliche Erscheinung als schweres Unheil bringend“ (S. 12) deutet und sich vom Sandmann verfolgt fĂŒhlt.

Am Ende seines Briefes kehrt Nathanael in die Gegenwart zurĂŒck und schwört Rache gegen Coppola, in dem er Coppelius‘ DoppelgĂ€nger erkennt: „Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu rĂ€chen, mag es denn nun gehen wie es will“ (S. 12).